Feministinnen und Machos auf Strand und Wiese

Watvögel haben ausgefallene Verhaltensweisen zu bieten, stehen aber auch exemplarisch für den Verlust an Biodiversität

20. Mai 2020

Watvögel lieben es nass. Sie suchen in feuchter Erde nach Insekten und anderen Krabbeltieren. Einige Arten wie der mexikanische Schneeregenpfeifer oder der Kampfläufer haben faszinierende Verhaltensweisen herausgebildet. Clemens Küpper und seine Arbeitsgruppe vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen untersucht in Langzeitstudien das Sozialverhalten dieser Vögel. Um das Thema Artenschutz kommt er dabei nicht herum, denn wie viele Vogelgruppen gehen auch die Bestände der Watvögel weltweit dramatisch zurück.

Die Brutgebiete der Schneeregenpfeifer sind durch die fortschreitende Bebauung der Küsten und die Popularität von Sandstränden bedroht.

Es ist nicht gerade das klassische Bild einer Vogelfamilie, dass die Schneeregenpfeifer abgeben: Nicht nur das Weibchen, sondern auch das Männchen brüten die Eier aus. Sind die Küken geschlüpft, sucht sich die Mutter meist einen neuen Partner. Der Vater zieht die Jungen dann notgedrungen alleine auf.

Manchmal bleibt das Weibchen aber auch in der Familie – vorerst zumindest. „Für sie sind die Überlebenschancen der Jungen ausschlaggebend: Kann der Vater die Kleinen allein durchbringen, ist sie weg. Wenn die Lage ziemlich aussichtslos ist, macht sie sich ebenfalls aus dem Staub“, erklärt Clemens Küpper.

Wie kommt es zu dieser im gesamten Tierreich eher ungewöhnlichen Rollenverteilung? Clemens Küpper untersucht zusammen mit seinem Team in einer Langzeitstudie das Sozialverhalten der an den Küsten Amerikas lebenden Vögel. „Der Schlüssel ist das Geschlechterverhältnis: Bei den Schneeregenpfeifern gibt es mehr Männchen als Weibchen. Weibliche Tiere können es sich daher erlauben, die Jungenaufzucht abzugeben und neue Paarungspartner zu suchen“, so Küpper. Sind männliche und weibliche Küken bei der Eiablage noch ungefähr gleich verteilt, ändert sich das Verhältnis zunehmend zugunsten der Männchen. Warum aber mehr weibliche als männliche Vögel sterben, wissen die Forschenden noch nicht.

Watvögel stehen mehrfach unter Druck

Wie die meisten anderen Watvögel ist auch der Schneeregenpfeifer bedroht: Garnelenfarmen, die fortschreitende Bebauung der Küsten und Popularität von Sandstränden, seinen bevorzugten Brutgebieten, engen seinen Lebensraum immer weiter ein. „Die meisten Watvögel sind Zugvögel – das heißt, sie nutzen mehrere Lebensräume. Wenn sich die Lebensbedingungen sowohl in den Brut- als auch den Überwinterungsgebieten verschlechtern, leiden die Vögel gleich mehrfach“, so Küpper.

In Deutschland macht den Watvögeln vor allem die intensive Landwirtschaft zu schaffen. So sind beispielsweise die Bestände des Kiebitzs – bis vor wenigen Jahren ein Allerweltsvogel auf den Wiesen – in manchen Regionen Deutschlands um 90 Prozent eingebrochen. Auch der Brachvogel steht vielerorts am Rande des Aussterbens. „Viele Nester kommen heute unter die Räder, wenn Wiesen zu früh und zu oft gemäht werden. Würde die erste Mahd manchmal nur um drei oder vier Wochen verschoben, wäre für den Schutz der Watvögel und Wiesenbrüter schon viel gewonnen.“ Watvögel stehen damit exemplarisch für den Verlust an Artenvielfalt in Deutschland.

Kampfarenen für die Balz

Kampfläufer mit Küken. Auf intensiv beweideten Wiesen werden die Gelege häufig zerstört.

Dabei haben die in der Fachsprache Limikolen genannten noch mehr zu bieten. Der Kampfläufer etwa besitzt eines der ungewöhnlichsten Sozialstrukturen in der Vogelwelt. Die Männchen wetteifern in regelrechten Arenen um die Gunst der Weibchen. Der stärkste Kämpfer besitzt dann dreimal höhere Aussichten auf Fortpflanzung. Allerdings haben zu diesen Wettkampfstätten nur 20 Prozent der Männer Zugang, die übrigen fliegen von Arena zu Arena und versuchen Einlass zu bekommen.

Bei den männlichen Kampfläufern lassen sich drei Persönlichkeitstypen unterscheiden: Neben den Kämpfern gibt es Männchen ohne Prachtgefieder, die nicht aggressiv sind und auch nicht um die Weibchen balzen. „Sie sehen aus wie Weibchen und verhalten sich wie Weibchen“, erklärt Küpper. Das macht es ihnen möglich, sich unerkannt mit Weibchen zu paaren. Die Ursache für diese Verhaltensänderung ist ein chromosomaler Unfall, der zu einer permanenten Änderung des Erbguts geführt hat. Offenbar ist das Verhalten so erfolgreich, dass diese Mutation nicht ausstirbt – und das obwohl sie tödlich ist, wenn ein Vogel zwei Kopien davon besitzt.

Ungleiches Duo

Bei den sogenannten Satelliten kommt eine weitere genetische Veränderung hinzu. Sie balzen zwar um Weibchen, sind aber kaum aggressiv. „Kämpfer und Satelliten tun sich häufig zusammen. Diese Kombination scheint für die Damenwelt sehr attraktiv zu sein, denn solche Duos sind außerordentlich erfolgreich. Der Satellit kommt dabei aber nur dann zum Zuge, wenn sein Partner mal wieder mit der Abwehr von Konkurrenten beschäftigt ist.“

Sein bizarres Verhalten hat aber auch den Kampfläufer nicht davor bewahrt, immer seltener zu werden. In Finnland, wo Küpper und sein Team an Kampfläufern in freier Wildbahn arbeiten, bedroht ihn ebenfalls die Intensivierung der Landwirtschaft. Der Vogel, der eigentlich von der Wiesenbeweidung durch Rinder profitiert, kann kaum Gelege durchbringen oder erfolgreich Jungvögel aufziehen, wenn die Zahl der Rinder zu hoch ist. Auch in Deutschland können die Vögel nur bei einer extensiven Landwirtschaft überleben. „Initiativen wie das Volksbegehren in Bayern und in anderen Bundesländern lassen hoffen, dass sich in Zukunft Artenvielfalt und Landwirtschaft nicht mehr ausschließen. Dann können wir die Kampfläufer auch wieder in Deutschland beobachten“, so Küpper.

HR

 

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