Jeder Nachtfalter flieht anders

Unterschiedliche Fluchtstrategien von Nachtfaltern erschweren Fledermäusen die Jagd

2. Juli 2019

Nachtfalter machen verschiedene Ausweichmanöver im Flug, um jagenden Fledermäusen zu entkommen. Wissenschaftler*innen vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen zufolge unterscheiden sich dabei nicht nur die Arten untereinander, sondern auch die Individuen innerhalb einer Art. Diese Unberechenbarkeit schützt die ganze Nachtfaltergemeinschaft vor den Räubern, da sie den Fledermäusen die Jagd erschwert.

Die Doktorandin Theresa Hügel beim Fang der Nachtfalter.

 

Für das Überleben von Tieren ist die erfolgreiche Nahrungssuche genauso Voraussetzung wie die Räubervermeidung. In Räuber-Beute-Beziehungen stehen diese beiden Verhaltensweisen daher in direkter Konkurrenz zueinander: Während der Räuber auf der Suche nach Nahrung ist, versuchen Beutetiere diese Räuber um jeden Preis zu vermeiden.

Dieses Wechselspiel führt auf beiden Seiten zu verschiedenen Anpassungen zur Optimierung von Jagd und Flucht, so auch bei Fledermäusen und Nachtfaltern. Da ihre Interaktionen im Dunkeln stattfinden, beruhen sie ausschließlich auf akustischer Information. Daher besitzen viele Nachtfalterarten Ohren, mit denen sie die Echoortungslaute insektenfressender Fledermäuse wahrnehmen können.

Sobald Falter eine herannahende Fledermaus hören, können sie mit schnellen Ausweichmanövern vermeiden gefressen zu werden. Das tun sie, indem sie zum Beispiel in die entgegengesetzte Richtung wegfliegen, sich fallen lassen, oder Zick-Zack-Muster fliegen. Dasselbe Fluchtverhalten zeigen viele andere Tiere, wie zum Beispiel Hasen beim Hakenschlagen.

Der Versuchsaufbau zeigt, wie der Nachtfalter über eine starre Struktur mit den Membranen der Lautsprecher verbunden ist, welche die Flugkraft der Tiere in ein elektrisches Signal umwandeln.

Dieses Ausweichverhalten der Nachtfalter mit Ohren haben nun Theresa Hügel und Holger Goerlitz vom Max-Planck-Institut für Ornithologie genauer untersucht. In einem Schallmessraum befestigten sie die Insekten mit einem Klebetupfer so an einen dünnen Metallstab, dass sie noch gut fliegen konnten. Der Stab war über eine horizontale Verbindung mit den Membranen zweier Lautsprecher verbunden. Die Flugbewegungen des Nachtfalters versetzten die Membrane in Schwingung, wodurch wie in einem Mikrofon ein Spannungssignal erzeugt wurde. Dieses konnten die Wissenschaftler*innen aufnehmen und damit die Kräfte des Insektenflugs und das Ausweichverhalten der Nachtfalter messen. Sie präsentierten insgesamt 172 Tieren von acht verschiedenen Nachtfalterarten die gleichen Fledermaus-ähnlichen Schalle, um allen Faltern den gleichen Räuberdruck vorzutäuschen.

Die Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass jede Nachtfalterart anders auf die akustischen Signale reagierte. Außerdem waren die Fluchtreaktionen bei manchen Arten auch noch individuell unterschiedlich. „Dadurch, dass verschiedene Nachtfalterarten in einem Gebiet verschiedene Fluchtstrategien entwickelt haben und die Individuen innerhalb einer Art auch noch unterschiedlich reagieren, sind die Insekten insgesamt vermutlich besser vor den Fledermäusen geschützt“, sagt Theresa Hügel, Erstautorin der Studie. „Denn die Unberechenbarkeit der Fluchtreaktion der Beute erhöht die Unsicherheit für die Räuber und verhindert, dass sie sich darauf einstellen können.“

„Nun wollen wir untersuchen, worauf die artspezifischen Unterschiede des Ausweichverhaltens beruhen, auf unterschiedlichen Flugmechaniken oder Unterschieden in der neuronalen Verarbeitung der akustischen Signale,“ sagt Holger Goerlitz, Leiter der Forschungsgruppe Akustische und Funktionelle Ökologie. Und nicht zuletzt: Mit welchen Anpassungen auf Seiten der Echoortung an das Gehör der Nachtfalter Fledermäuse wiederum reagiert haben, wird ebenfalls eine nächste spannende Frage sein in der Untersuchung des sensorischen Wettstreits zwischen Räubern und Beute.

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