Mit dem Weißen Hai auf Robbenjagd

Wissenschaftler zeichnen das Verhalten der bedrohten Jäger mit Unterwasserkameras und Bewegungssensoren auf

April 05, 2019

Der Weiße Hai ist eines der faszinierendsten Meerestiere der Erde. Viele Filme und Bücher stellen ihn jedoch als unersättlichen Räuber dar – dabei ist über sein Jagdverhalten kaum etwas bekannt. Ein internationales Team aus Wissenschaftlern, an dem auch Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell beteiligt waren, hat Weiße Haie nun bei der Robbenjagd vor der Küste Südafrikas beobachtet. Die mit Kameras und Sensoren aufgezeichneten Bewegungsmuster zeigen, dass die Tiere entgegen bisheriger Annahmen sich in Wälder aus Seetang wagen und dort Jagd auf Robben machen. Das Wissen, wie Weiße Haie auf ihre Beute reagieren und welche Rolle dabei ihre Umgebung spielt, soll künftig Unfälle mit Menschen vermeiden helfen.

Weißer Hai mit einer an der Rückenflosse befestigten Kamera. Die Forscher haben das Tier mit einem Köder angelockt (links oben).

Bisher haben Wissenschaftler die Jagd von Haien auf Beutetiere wie Robben oder Seeotter meist von der Wasseroberfläche aus beobachtet – was sich unter Wasser abspielte, blieb ihnen verborgen. Mithilfe neuer Unterwasserkameras und GPS-Sender lassen sich nun aber detaillierte Informationen über das Verhalten von Jäger und Beute sowie den Einfluss des Lebensraums gewinnen.

Die Wissenschaftler aus Kalifornien und Radolfzell haben die Weißen Haie im Meeresschutzgebiet rund um Dyer Island vor der Küste Südafrikas erforscht. Damit sie die Haie mit den Kameras und Sendern ausstatten konnten, haben sie die bis zu fünf Meter langen Tiere mit Ködern an ihr Boot gelockt. Während die Haie sich über die Köder hermachen, brachten die Forscher mit Stangen kleine Klemmkameras an der Rückenflosse an. Mit diesen Kameras und den integrierten Bewegungssensoren können die Wissenschaftler aufzeichnen, in welchen Lebensräumen die Haie unterwegs sind und wo sie jagen. Nach drei Tagen lösen sich die Kameras von der Rückenflosse und schwimmen an die Oberfläche, wo sie wieder eingesammelt und ausgewertet werden können.

Jagd in Wäldern aus Seetang

Wissenschaftler befestigen eine Kamera an der Rückenflosse eines Weißen Hais. Die Kameras mit eingebautem GPS-Sensor lösen sich nach wenigen Tagen wieder und können dann von den Forschern eingesammelt werden.

In den Gewässern um Dyer Island gibt es viele Wälder aus Seetang. Die Haie dort zeigen ein anderes Jagdverhalten als ihre Artgenossen in Gebieten ohne Tangwälder: Sie jagen hier nicht nur wie sonst in der Dämmerung, sondern auch bei Tageslicht. Außerdem erscheinen sie seltener an der Wasseroberfläche.

Bislang haben die Forscher vermutetet, dass die Unterwasserwälder für die Haie eine Barriere sind und Robben damit einen Zufluchtsort bieten. Die Auswertung der Unterwasservideos korrigiert jedoch dieses Bild: Die Haie vor Dyer Island schwimmen sehr wohl in die Tangwälder hinein und machen dort Jagd auf Kap-Pelzrobben. „Es könnte sein, dass die Haie individuell unterschiedliche Jagdstrategien besitzen. Vielleicht haben sie aber auch lokal unterschiedliche Jagdtraditionen entwickelt. In diesem Fall wären unsere Ergebnisse der erste Nachweis für lokale Traditionen bei Fischen“, erklärt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie. Die Wissenschaftler wollen die Haie nun über die gesamte Lebenszeit hinweg verfolgen, um noch mehr über das Verhalten der Tiere zu lernen.

Beobachtung von Meerestieren mit Icarus

Die Aufnahmen der Unterwasserkameras zeigen, dass die Haie entgegen bisheriger Annahmen regelmäßig durch die Seetang-Wälder vor der südafrikanischen Küste schwimmen.

Die extra entwickelten kleinen Kameras und Sensoren sind Teil des Icarus-Projekts unter der Leitung von Martin Wikelski. Mit Icarus wollen Wissenschaftler Tiere rund um den Globus auf ihren Wanderungen verfolgen. Mit diesen Daten können die Wissenschaftler beispielsweise die Verbreitung von Krankheiten durch Tiere oder auch den Klimawandel untersuchen. Mithilfe von Icarus können die Forscher auch Fische wie zum Beispiel die Wanderung der Lachse aufzeichnen und die Kameras nach der Ablösung im Meer ausfindig machen, um die aufgenommen Videos auszuwerten. „Der erfolgreiche Einsatz dieser Kameras an den Haien zeigt, dass wir Icarus auch zur Erforschung der Wanderungen von Meerestieren nutzen können“, sagt Wikelski.

Auch in den Ozeanen schwindet die Biodiversität. Obwohl nicht genau bekannt ist, wie viele Weiße Haie es weltweit gibt, sind die Tiere als gefährdet eingestuft. Die Bestände erholen sich nur langsam, da Tiere erst Jahre nach der Geburt geschlechtsreif werden. Weiße Haie dürfen zwar nicht kommerziell gefischt werden, das Töten einzelner Tiere zur Prävention vor Angriffen ist dagegen in manchen Ländern erlaubt. „Zum Schutz der Haie ist es deswegen wichtig, ihr Verhalten besser zu verstehen, um so die ungewollte Begegnung von Hai und Mensch möglichst zu vermeiden“, sagt Wikelski.

Tauchfahrt durch die Seetang-Wälder

MN/HR

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