Max-Planck-Forscher unterstützen Volksbegehren Artenvielfalt

Die geforderten Gesetzesänderungen können Wissenschaftlern zufolge in Bayern das Verschwinden von Insekten und Vögeln stoppen

29. Januar 2019

Deutschland hat in den letzten 30 Jahren einen Großteil seiner Insekten verloren. Über die Hälfte aller Wildbienen-Arten sind bedroht oder bereits ausgestorben. Dieser Schwund betrifft auch die Vögel: Heute leben nur noch rund halb so viele Vögel wie Ende der 1980er Jahre. In Bayern findet deshalb vom 31. Januar bis 13. Februar ein Volksbegehren für eine Änderung des bayerischen Naturschutzgesetzes statt. Die geforderten Gesetzesänderungen könnten Max-Planck-Forschern zufolge den Rückgang von Tieren und Pflanzen in Bayern aufhalten. "Mit dem weltweiten Verlust von Tier- und Pflanzenarten verschwinden unzählige Anpassungen, die die Evolution in Jahrmillionen geschaffen hat. Wir verlieren also das evolutionäre Gedächtnis unseres Planeten. Viele Arten stehen bereits vor dem Aussterben. Wir müssen also schnell handeln, wenn wir das Artensterben aufhalten wollen“, sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Martin Stratmann.

Artenreiche Wiesen sind die Grundlage für das Überleben vieler Insekten.

Wie in vielen Regionen Europas so sind auch in Bayern in den letzten Jahrzehnten viele Insektengruppen dramatisch zurückgegangen, selbst in geschützten Regionen. Im Naturschutzgebiet Keilberg bei Regensburg beispielsweise sind in den letzten 200 Jahren 39 Prozent der Tagfalterarten verschwunden, die Hälfte dieser Arten allein seit 2010. Doch nicht nur die Artenzahl, auch die Individuenzahl sinkt rapide: So gibt es in deutschen Naturschutzgebieten heute nur noch ein Viertel der Fluginsekten im Vergleich zu 1989.

Der Rückgang der Biodiversität hat mittlerweile solche Ausmaße erreicht, dass Wissenschaftler vor dem Zusammenbruch ganzer Ökosysteme warnen. „Früher nahmen Bergleute Kanarienvögel in die Kohleminen mit. Die Vögel sollten die Arbeiter vor tödlichen Gasen warnen. Heute sind Bienen unsere Kanarienvögel. Ihr massiver Bestandsrückgang zeigt: Hier läuft etwas total falsch“, warnt Martin Wikelski, Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell.

Insekten sind nicht nur als Bestäuber vieler Pflanzen unverzichtbar, sie verwerten auch riesige Mengen organischen Materials und tragen so dazu bei, abgestorbene Pflanzen und Tierkadaver zu beseitigen. Außerdem sind sie für viele Tiere eine unverzichtbare Nahrungs- und Proteinquelle. Das Insektensterben ist daher auch ein wichtiger Grund für den starken Rückgang vieler Vogelarten in Deutschland. „Auch bei vielen Vogelarten ist ein dramatischer Rückgang der Bestände festzustellen. Selbst frühere Allerweltsarten sind nur noch selten zu sehen oder gänzlich verschwunden. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber der massive Einsatz von Pestiziden, das Ausräumen der Landschaft durch das Verschwinden kleinbäuerlicher Betriebe und der zunehmende Landverbrauch tragen wesentlich dazu bei“, sagt Manfred Gahr, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.

Praktikable Lösungen für mehr Artenvielfalt

Biotopverbund Bodensee: Nach der Anlage eines zehn Hektar großen Feuchtgebiets auf einer zuvor landwirtschaftlich intensiv genutzten Fläche leben dort heute über 40 Prozent mehr Vogelarten, darunter neben seltenen Arten wie Schwarzkehlchen und Kolbenente auch das erste Storchenpaar seit Jahrzehnten.

Die Wissenschaftler unterstützen deshalb das Volksbegehren Artenvielfalt in Bayern. Vom 31. Januar bis 13. Februar können sich die Wahlberechtigten in den Rathäusern für eine Änderung des bayerischen Naturschutzgesetzes aussprechen. Die vorgeschlagenen Änderungen sind den Forschern zufolge leicht umzusetzen und könnten den Artenverlust zumindest aufhalten. „Das Volksbegehren stellt keine übertriebenen Forderungen, sondern schlägt praktikable Maßnahmen vor. Eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft auf mindestens 20 Prozent der Landesfläche bis 2025 würde zwar noch nicht die für stabile Ökosysteme erforderliche Artenvielfalt garantieren, aber die derzeitigen Verluste an Biodiversität eindämmen. Das Volksbegehren sollte daher von jedem Bürger unterstützt werden“, sagt Peter Berthold, Vogelforscher und ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell.

„Wir müssen umdenken: Wir brauchen mehr ökologische Landwirtschaft, mehr Biotopverbunde und letztendlich die Bereitschaft, unseren Lebensstandard zu verringern. Deshalb unterstützte ich das Volksbegehren Artenvielfalt“, sagt auch Manfred Gahr. Martin Wikelski: „Wenn wir jetzt nicht handeln, könnte es uns so gehen wie den Minenarbeitern, die nicht auf ihren Kanarienvogel hörten!“

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