Ansprechpartner

Prof. Dr. Martin Wikelski
Prof. Dr. Martin Wikelski
Telefon:+49 7732 1501-62Fax:+49 7732 1501-69

Originalveröffentlichung

Daniel Zúñiga, Yann Gager, Hanna Kokko, Adam M. Fudickar, Andreas Schmidt, Beat Naef-Daenzer, Martin Wikelski, Jesko Partecke
Migration confers winter survival benefits in a partially migratory songbird.

Verwandte Artikel

Die normalerweise tagaktiven Vögel brauchen für die Änderung ihres Biorhythmus vor dem Abflug in ihre Winterquartiere keine Zeit zur Anpassung

Vogelzug: Amseln schalten schlagartig auf Nachtschwärmer um

5. Oktober 2016

Die normalerweise tagaktiven Vögel brauchen für die Änderung ihres Biorhythmus vor dem Abflug in ihre Winterquartiere keine Zeit zur Anpassung [mehr]
Ohne ihren Geruchssinn können Heringsmöwen Abweichungen von ihrem natürlichen Flugkorridor nicht ausgleichen

Immer der Nase nach zum Victoriasee – Möwen navigieren anhand von Gerüchen

24. November 2015

Ohne ihren Geruchssinn können Heringsmöwen Abweichungen von ihrem natürlichen Flugkorridor nicht ausgleichen [mehr]
Stadtleben verändert die Persönlichkeit von Amseln

Städter oder Landei

19. Juni 2013

Stadtleben verändert die Persönlichkeit von Amseln [mehr]

Zugvogel sein lohnt sich

Amseln, die den Winter im Süden verbringen, überleben die kalte Jahreszeit häufiger als ihre Artgenossen in Mitteleuropa

21. November 2017

Schätzungen zufolge leben allein in Europa mehr als anderthalb Milliarden Singvögel. Etwa die Hälfte davon bricht im Herbst in nicht einmal einem Dutzend Nächten in Richtung Süden auf. Dort ist es zwar wärmer, und es gibt ausreichend Nahrung. Der Flug dorthin ist jedoch entbehrungsreich und gefährlich. Lohnt sich der Aufwand für Zugvögel also überhaupt? Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell haben jetzt in einer neuen Studie erstmals nachgewiesen, dass eine nach Süden ziehende Vogelart den Winter im Süden eher überlebt als die in Mitteleuropa verbleibenden Artgenossen.
Manche der in Mitteleuropa lebenden Amseln ziehen im Winter in den Süden. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sie so die kalte Jahreszeit eher über Bild vergrößern
Manche der in Mitteleuropa lebenden Amseln ziehen im Winter in den Süden. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sie so die kalte Jahreszeit eher überleben als ihre Artgenossen, die vor Ort bleiben. [weniger]

Amseln sind sogenannte Teilzieher. Das bedeutet: Manche der Vögel fliegen in ein Winterquartier, andere trotzen den harschen Bedingungen lieber zuhause. Die heute milderen Winter in Mitteleuropa verlocken offenbar etliche Amseln, sich den Reisestress zu ersparen. In kälteren Perioden als heute dürfte das wohl anders gewesen sein. Welche Mechanismen die Entscheidung „Wandern oder Bleiben“ kontrollieren, ist noch nicht geklärt.

Die Forscher befestigen die Sender wie einen Rucksack und lassen die Vögel anschließend wieder frei. Die zwei Gramm schweren Geräte beeinträchtigen di Bild vergrößern
Die Forscher befestigen die Sender wie einen Rucksack und lassen die Vögel anschließend wieder frei. Die zwei Gramm schweren Geräte beeinträchtigen die Tiere in keiner Weise. [weniger]

Das Team um Studienleiter Jesko Partecke und Max-Planck-Direktor Martin Wikelski hat von in den Sommerhalbjahren 2009 bis 2016 fast 500 Amseln rund um Radolfzell am Bodensee kurzzeitig gefangen, sie mit kleinen Peilsendern ausgestattet sowie in klassischer Weise beringt. Dank der Sender konnten die Forscher die Vögel mehrere Jahre lang im Untersuchungsgebiet verfolgen: Nach jedem Winter durchsuchten die Wissenschaftler die Gegend um den Bodensee nach den Amseln, die den Winter überlebt hatten und aus ihren Wintergebieten zurückgekehrt waren. Zudem zeigten automatische Registrierungsanlagen im Untersuchungsgebiet an, ob ein Vogel mit Radiosender tot oder lebendig sowie ob und wann er aus dem Habitat verschwunden war.

Mit ihren Daten haben die Wissenschaftler ein Computerprogramm gefüttert und so die Überlebenswahrscheinlichkeit der gewanderten oder sesshaften Tiere berechnet. Das Resultat: „Der Winter ist die kritischste Phase im Leben einer Amsel: In dieser Zeit sterben die meisten von ihnen, egal ob sie in den Süden ziehen oder hierbleiben. Die Zugvögel überleben ihn aber deutlich häufiger als die Standtiere“, erklärt Daniel Zuñiga, Erstautor der Studie.

Zwischen Männchen und Weibchen gibt es hinsichtlich der Sterblichkeit dagegen keine Unterschiede. Grundsätzlich aber ziehen mehr Weibchen als Männchen in den Süden. Vermutlich bleiben viele Männchen lieber daheim, um die Chance zu erhöhen, sich nach dem Winter beizeiten ein gutes Brutareal zu sichern und damit ein Weibchen anzulocken. Für die Weibchen ist eine frühe Präsenz im Brutrevier dagegen wohl weniger ausschlaggebend. 

Die Radio-Telemetrie ist immer noch sehr mühsam: Da die Reichweite der Sender gering ist, müssen die Forscher mit ihren Antennen in der Nähe der Vögel Bild vergrößern
Die Radio-Telemetrie ist immer noch sehr mühsam: Da die Reichweite der Sender gering ist, müssen die Forscher mit ihren Antennen in der Nähe der Vögel bleiben. Künftig soll das Weltraum-gestützte Icarus-System die Forschung erleichtern. [weniger]

Angesichts des hohen Aufwands, den die Max-Planck-Forscher betreiben mussten, um den Vögeln mit ihren Peilantennen auf der Spur zu bleiben, haben Partecke und Wikelski eine neue revolutionäre Technologie im Auge: Das weltraumgestützte Beobachtungssystem Icarus wird es erstmals erlauben, auch kleine Singvögel wie die Amseln per GPS noch genauer zu verfolgen – und so zu klären, was die Vögel wirklich in ihrem Winterquartier tun, wann sie zurückkommen und warum sie nicht einfach im Süden bleiben.

Das unter anderem von Martin Wikelski ins Leben gerufene Projekt soll ab dem Sommer 2018 startbereit sein. Die Wissenschaftler versprechen sich von den dann zur Verfügung stehenden Daten bahnbrechende Erkenntnisse über das Leben, Verhalten und Sterben der Tiere auf unserem Planeten.

KW/HR

 
loading content