Kontakt

Dr. Sabine Spehn
Dr. Sabine Spehn
PR-Referent/in
Telefon: +49 8157 932-421
Mobil: +49 173 7155753
Raum: Seewiesen

Seewiesen ist ein kleines Areal in Oberbayern, zwischen Starnberger See und Ammersee gelegen. Von 1954 bis 1999 war es Standort des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie und jahrzehntelang Wirkungsstätte des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz. Schon 1937 hatte Lorenz zusammen mit Erich von Holst Überlegungen angestellt zur Gründung eines Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie. Doch der Krieg vereitelte ihre Pläne. Erst am 1. April 1954 wurde die Gründung aufgrund eines Beschlusses des Senats verwirklicht. Holst wurde zum Direktor und Lorenz zu seinem Stellvertreter berufen.

Für den Institutsneubau suchte man ein Gelände, das es erlaubte, Tiere ungestört und unter möglichst natürlichen Lebensbedingungen zu beobachten. Wasser war unerlässlich, da Lorenz und seine Mitarbeiter vor allem mit Gänsen und Enten arbeiteten. Das Areal um den Ess-See erfüllte alle Forderungen. Im Juni 1955 konnte das Nutzungsrecht des Sees und ausreichendes Gelände erworben werden. Am Nordufer des Ess-Sees wurden zunächst zwei Laboratoriumsbauten, ein Wohnhaus sowie die nötigen Werkstätten und Wirtschaftsgebäude errichtet. Den Namen Seewiesen schufen die Direktoren als Gelände beschreibende Adresse. Die Anlage wurde am 16. September 1958 in Gegenwart von Otto Hahn, dem damaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, eingeweiht.

Noch während des Baus wurden dem Institut zwei weitere Abteilungen angegliedert: die Abteilung von Gustav Kramer, der das Orientierungsvermögen von Tieren (insbesondere Vögeln) untersuchte und die Abteilung von Jürgen Aschoff, der sich mit biologischen Uhren beschäftigte. In Erling-Andechs, wenige Kilometer entfernt von Seewiesen, konnte ein größeres Anwesen mit zwei Gebäuden erworben werden, in dem die Abteilung von Aschoff untergebracht wurde. 1959 verunglückte Kramer tödlich – zum Leiter der Abteilung wurde deshalb am 1. Dezember 1960 Horst Mittelstaedt berufen (ab 1. Januar 1966 Direktor), ein langjähriger Mitarbeiter von v. Holst, der sich mit der regeltechnischen Analyse komplizierter Orientierungsweisen und Instinktbewegungen befasste.

Am 26. Mai 1962 starb Erich von Holst. An seine Stelle trat mit einer neuen Abteilung Dietrich Schneider (1. Juli 1964). Sein Forschungsgebiet war die chemische Kommunikation, speziell die Physiologie, Biochemie und Biophysik des Geruchssinnes von Insekten, auch die Biosynthese von Pheromonen, die Orientierung mithilfe chemischer Sinnesorgane sowie deren Feinstruktur. 1972 wurde diese Abteilung durch die Berufung von Karl-Ernst Kaißling zum Wissenschaftlichen Mitglied erweitert, dessen Arbeitsgebiet besonders die Reiz-Erregungsumwandlung in der Riechzelle umfasste.

Konrad Lorenz (r.) und Nicolaas Tinbergen Bild vergrößern
Konrad Lorenz (r.) und Nicolaas Tinbergen

Im Jahre 1973 erhielt Konrad Lorenz zusammen mit Nikolaas Tinbergen und Karl Ritter von Frisch für seine wegweisenden Arbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensforschung den Nobelpreis für Medizin. Tinbergen war nicht nur ein langjähriger wissenschaftlicher Weggefährte von Lorenz, sondern seit 1960 auch Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied des Instituts in Seewiesen. Noch im selben Jahr wurde Lorenz emeritiert und kehrte auf sein väterliches Anwesen in Altenberg/Greifenstein (Niederösterreich) zurück. Sein langjähriger Mitarbeiter Irenäus Eibl-Eibelsfeldt wurde zwei Jahre später, 1975, zum Leiter einer Forschungsstelle für Humanethologie berufen.

Mit der Berufung von Wolfgang Wickler (9. März 1973) und Franz Huber (1. Oktober 1973) als neue Direktoren erfuhren die Forschungen am Institut eine neue Ausrichtung. Wickler forschte auf dem Gebiet der Soziobiologie, Huber befasste sich mit den neuronalen Grundlagen des Verhaltens von Grillen und Heuschrecken. Wolfgang Wickler musste das Institut dann – nach der Emeritierung von Schneider, Huber und Mittelstaedt – durch seine schwierigste Phase führen: Im Rahmen des Föderalen Konsolidierungsprogramms beschloss der Senat der Max-Planck-Gesellschaft 1997 das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie zu schließen. Der ornithologisch ausgerichtete Arbeitsbereich sollte allerdings beibehalten werden und wurde als Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie fortgeführt. Die Leitung übernahm Eberhard Gwinner, der bereits seit 1991 Direktor am Institut gewesen war und Peter Berthold, der im April 1998 mit Gründung der Forschungsstelle zum Direktor berufen wurde. Im Mittelpunkt der Arbeiten an der Forschungsstelle standen Untersuchungen zum Vogelzug aus physiologischer (Abteilung Gwinner) und ökologischer bzw. genetischer (Abteilung Berthold) Perspektive.

Im Jahre 1999 wurde an der Forschungsstelle eine Selbständige Nachwuchsgruppe unter der Leitung des Verhaltensökologen Bart Kempenaers eingerichtet. In Anbetracht der für 2004 und 2006 anstehenden Emeritierungen von Peter Berthold und Eberhard Gwinner, der dann unerwartet im September 2004 verstarb, wurde über die mögliche Nachfolge beraten. Im Dezember 2003 wurde Bart Kempenaers zum Direktor und Wissenschaftlichen Mitglied berufen. Gleichzeitig erging ein Ruf an Manfred Gahr, der zu diesem Zeitpunkt Professor an der Universität von Amsterdam war und vormals Nachwuchsgruppenleiter in Seewiesen. Gahr, der an den neuronalen Grundlagen von Verhalten arbeitet, nahm den Ruf zum 1. Oktober 2004 an und übersiedelte schließlich im Spätsommer 2005 aus den Niederlanden nach Deutschland. Im März 2004 wurde die Forschungsstelle zum Max-Planck-Institut für Ornithologie.

Beide Direktoren richteten ihre wissenschaftlichen Abteilungen in Seewiesen ein und führten die Vogelwarte in Radolfzell als Außenstelle weiter. Dort nahm im Dezember 2007 Martin Wikelski den Ruf als neuer Direktor an. Er ist zudem Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität Konstanz.

 
loading content
Zur Redakteursansicht